Während des Nachdenkens über den Verbleib der vermissten Teile wurde mir immer klarer, dass nicht nur sie fehlten, sondern praktisch alle Überbleibsel und alle noch nicht verbauten Teile von insgesamt zwei Galeeren-Modellen! Und dann erinnerte ich mich an den Text „Der stibitzte Brief“ von Edgar Allen Poe, wo jemand ein wichtiges Papier unter Papieren versteckt, wo es eigentlich ganz offensichtlich ist. Und ich erinnerte mich an den Satz: „Ein Blatt versteckt man am besten im Wald.“ Mit anderen Worten: Ich musste nicht in irgendwelchen finsteren Ecken oder klebrigen Mülleimern suchen, vielmehr musste sich das Gesuchte direkt vor meinen Augen befinden, wo es sich allerdings durch einen gerissenen Trick vor meiner Wahrnehmung verbarg.
Und so war es auch. Vor ein paar Monaten hatte ich aufgeräumt. Sowas ist immer gefährlich. Historische Gebäude brennen gerne ab, wenn sie restauriert werden, Schiffe auch. Aufräumen kann sinnvoll sein, aber es tilgt womöglich eine Unordnung, mit der man lange Zeit ganz gut zurecht gekommen ist, während der neue, aufgeräumte Zustand sich nicht so schnell ins Bewusstsein eingeprägt. Für die vielen Teile der Reale hatte ich eine neue Heimat in einem Kleinteilemagazin gefunden, das jahrelang nicht benutzt worden war. Aber auch eine doppelte Beschriftung schützte mich nicht davor, diese sinnvolle Arbeit gleich wieder zu vergessen. Mit dem Resultat, dass ich das Teil, das an einem richtigen Ort stand, mir unmittelbar vor Augen, jetzt tagelang übersehen bzw. in seiner neuen Funktion nicht wahrgenommen habe.
Ich bin mir im Moment noch ein bisschen unklar, ob ich mich über meinen blöden Patzer weiter ärgern, oder ob ich mich darüber freuen soll, dass ich durch schiere Gedankenarbeit geschafft habe, was mir durch stumpfes Suchen unmöglich war.
Nach der höchst peinlichen Teile-weg-Pause kann es jetzt wieder im produktiven Sinne weitergehen. Der Besuch in Paris bei Original und Vorbild-Modell hat noch weitere Spuren hinterlassen. Ich zeige als Erstes das große Heckornament, das dem Bildhauer Pierre Puget zugeschrieben wird. Es wirkt, insbesondere wenn man es leicht von der Seite betrachtet, sehr dreidimensional. Die Figuren scheinen geradezu aus dem Arrangement herauszusteigen.
Das Modell im Pariser Marinemuseum soll zwischen 1830 Uhr und 1837 in den Werkstätten des Louvre auf einem Rumpf aus dem 18. Jahrhundert aufgebaut worden sein. Die Erbauer haben das Heckornament wesentlich flacher gestaltet.
Und daran haben sich offenbar auch die Konstrukteure des Heller Modells (1975/6) orientiert. Hier meine Fassung, bereits mit einem Washing.
Nun habe ich mich gefragt, ob es hier etwas zu verbessern gibt. Ich habe einen weiteren Abguss um etwa das Doppelte verdickt und anschließend mit meinem kleinsten Fräser mehr Tiefe zwischen die Figuren und Ornamente zu bringen versucht. Natürlich werde ich Puget nicht erreichen, aber vielleicht lässt sich ja etwas mehr Struktur und Dreidimensionalität erzielen.
Hier die Ergebnisse meiner "Pugetisierung" des großen Heckornament. Zunächst einmal das unveränderte Bausatzteil meiner ersten Galeere (2015) mit einem Washing aus stark verdünnter Ölfarbe Lasurrotbraun. Das war damals noch mein Standardverfahren.
Mit sehr viel Überredung und einer äußerst scharfen Klinge (Vorsicht! Vorsicht!) Habe ich das Ornament entfernen und durch eines der neuen Generation ersetzen können. Ich habe den ersten Entwurf noch einmal überarbeitet und am oberen Ende einen kleinen „Baldachin“ gebaut, der im Original aus Spruchbändern besteht.
Und hier das veränderte Ornament für Galeere Nummer 3. Mit unverdünnter Ölfarbe Vandyckbraun behandelt, fällt es meines Erachtens zu dunkel aus.
Eine zweite Version mit einem Washing aus Ölfarbe Umbra natur. Das scheint mir die Richtung zu sein.
Abschließende Frage: Hat sich der Versuch gelohnt, dem Ornament mehr Tiefe zu geben, in Anlehnung an das Pariser Vorbild? Nun ja. Es war nicht allzu viel Arbeit. Sollte der Unterschied als unbedeutend und vernachlässigenswert erscheinen, muss ich mich nicht allzu sehr grämen. Schmidt
Kleiner Exkurs in das Hafendiorama, das sich seit längerem schon für meine Galeeren baue. Zuletzt ist die Arbeit daran streckenweise beinahe in Routinearbeiten versunken. Tatsächlich musste ich über fünfeinhalb Meter Straßen mit Quaimauern einigermaßen ähnlich gestalten, und das mit selbst hergestellten Materialien. Das geschah einerseits, um Kosten zu sparen, andererseits, weil die fertig angebotenen mir nicht gefielen. Kürzlich habe ich noch prognostiziert, vor Weihnachten eine Zusammenstellung des gesamten Arrangements zu schaffen, aber dann sind die letzten Arbeiten (auch dank vieler Tests) sehr viel schneller zu einem Ende gekommen. Gestern war der große Tag, an dem ich die einzelnen Elemente erstmals zusammenstellen konnte, und heute kann ich euch zur allerersten Hafenrundfahrt einladen. Das gesamte Areal misst jetzt dreieinhalb Meter in der Breite und knapp einen Meter in der Tiefe.
Der linke oder westliche Teil der Quais (noch gänzlich unbelebt).
Der mittlere Bereich. Der kleine Zufluss Richtung Stadt soll das Bild auflockern, vor allem aber dafür sorgen, dass die einzelnen Elemente nicht so groß sind, dass man sie nicht mehr transportieren kann.
Der rechte oder östliche Teil der Quais.
Der erste Quai, die nach vorne ragt und dabei den Pfeiler des Regals umschließt. Dazu später noch mehr.
Der zweite Quer-Quai mit den Arsenal-Gebäuden und dem integrierten alten Festungsturm.
Zurück zum ersten Quer-Quai. Hier wollte ich ein Bauwerk platzieren, dass den Regalpfeiler umschließen und optisch zum Verschwinden bringen sollte. Die beiden Fotos erklären das konstruktive Prinzip.
Aber das Bauwerk ist mir wohl zu massiv geraten. Auch wenn ich es mir farblich angepasst und mit Details wie Dächern, Schießscharten, Wachgängen etc. vorstelle - es bleibt ein Klotz, der alles dominiert und überdies den Stadtbereich vollkommen vom Arsenalbereich abtrennt und damit beide verkleinert. Jetzt muss ich wohl neu planen.
Ich hoffe, ihr habt die Hafenrundfahrt trotzdem genossen.
Städtebaulich gesehen ein Desaster – aber immerhin konsequent. Der Pfeiler trennt, dominiert und ignoriert sämtliche Sichtachsen. Ein echtes Statement für die Ära der kompromisslosen Regalmoderne ...
Viele Grüße Johann
"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es" Erich Kästner
Und mit dieser Kühlgefrierkombination bringe ich ihn so gar nicht zum Verschwinden. Die Gestalter des Miniatur Wunderlandes in Hamburg haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, und wie ich es sehe lassen sie die Pfeiler einfach Pfeiler sein. Schmidt
Aber genauso funktionieren doch alte Festungsbauwerke. Einziger Unterschied, die Mauern sind vielleicht noch leicht geneigt, haben vielleicht sogar noch irgendwelche Redouten dran, damit man auch keine toten Winkel hat. Schau dir mal die Festung von Calvi auf Korsika von der Seeseite aus an. Dann ist dein Stück Stein Klotz ja noch viel zu klein …
Bevor ich meine Kühlgefrierkombi final verklappen wollte, habe ich versucht, die Mauerplatten herunter zu bringen. Da steckt immerhin für 40 € Resin drin! Das klappte dann erstaunlich gut. Ponal Express ist zum Glück keine dauerhafte Verbindung für Styrodur mit Resin. Es bildet nur eine Art Haftschicht. Die Platten ließen sich mit etwas Anstrengung und einem Teppichbodenmesser (Vorsicht! Vorsicht!!) ganz gut entfernen. Und dann habe ich mal so drauflos geschnitzt. Unten das Resultat. Eure Kommentare?